Artikel von Prof. Dr. P.C. Schmidt in der Pharmazeutischen Zeitung, Ausgabe 30/2002

Die vergessene Chance: Apotheker in der Pharmaindustrie

Das Berufsbild des Apothekers in der Öffentlichkeit wird vom Offizin-Apotheker, d. h. dem in der öffentlichen Apotheke tätigen Pharmazeuten geprägt. Die anderen Berufschancen, z. B. in der Krankenhausapotheke, in der Verwaltung, in der Bundeswehr, an Berufsschulen und Schulen für pharmazeutisch-technische Assistenten und nicht zuletzt die großen Chancen in der pharmazeutischen Industrie sind im öffentlichen Bewusstsein mehr oder weniger nicht vorhanden. Hinzu kommt, dass der Beruf des Apothekers sich mehr und mehr zum Frauenberuf entwickelt. So waren an der Universität Tübingen über die letzten fünf Jahre gerechnet 77 % der Absolventen Frauen. Die Männer sind bereits als schützenswerte Minderheit zu betrachten. Wenn man bei 40 Studierenden pro Semester in einer Praktikumsgruppe mit zehn Personen fünf Männer antrifft und sich darüber freut, bekommt man auf die entsprechende Frage zur Antwort: „Wir sind die einzigen Männer im Semester“.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es ist gut und richtig, wenn viele Damen den Apothekerberuf ergreifen, da die Tätigkeit in der öffentlichen Apotheke sowohl eine Voll- als auch eine Teilzeitbeschäftigung ermöglicht, die je nach familiären Bedürfnissen variiert werden kann. Hinzu kommt, dass z. B. im Land Baden-Württemberg mehr als 50 % der Apothekenbesitzer älter als 55 Jahre sind, so dass auch in der Offizinpharmazie ein großer Bedarf an Apothekern in naher Zukunft besteht. Darüber wird jedoch leicht vergessen, dass im Bereich der pharmazeutischen Industrie ein großer Bedarf an jungen Apothekern, insbesondere an promovierten Absolventen besteht.

Das Pharmaziestudium gliedert sich wie bei anderen naturwissenschaftlichen Studiengängen auch in ein Grundstudium von zwei und ein Hauptstudium von ebenfalls zwei Jahren. Der Normalstudent legt nach acht bis neun Semestern das zweite Staatsexamen ab und erhält nach einem Jahr praktischer Tätigkeit die Approbation zum Apotheker. Eine weitere Spezialisierung ist durch die drei bis vier Jahre dauernde Promotion in einem der Kernfächer der Pharmazeutischen-medizinischen Chemie, der Pharmakologie, der Pharmazeutischen Biologie, der Pharmazeutischen Technologie, die früher als Galenik bezeichnet wurde, sowie neuerdings im Bereich der Klinischen Pharmazie möglich. Die Berufschancen der promovierten Apotheker müssen derzeit als exzellent bezeichnet werden. Insbesondere im Bereich der Pharmazeutischen Technologie wäre es leicht möglich die dreifache Zahl an Absolventen mühelos in der Pharmaindustrie unterzubringen. Die Arbeitsfelder, die sich dem Absolventen in der Industrie bieten, sind vielfältig. Während die chemische Synthese zumeist den Chemikern vorbehalten ist, können Pharmazeuten bereits bei biotechnologischen Verfahren eingesetzt werden. Stammt ein neues Arzneimittel aus natürlichen Ressourcen, so ist die Naturstoffisolierung, die Einstellung des neuen Medikaments auf bestimmte Wirkstoffgehalte aus der Pflanze und die Entwicklung eines Arzneimittels aus dieser Rohstoffquelle bereits eine Domäne der Pharmazeuten.

Am Anfang jeder Arzneimittelentwicklung steht also eine definierte chemische Substanz, ein aus einem biotechnologischen Prozess gewonnener Wirkstoff oder ein Extrakt aus einer natürlichen, zumeist pflanzlichen Quelle. Die erste Aufgabe ist die analytische Charakterisierung dieses Rohstoffs, die Beschreibung seiner Eigenschaften und die Untersuchung seiner Haltbarkeit. Danach beginnen umfangreiche pharmakologisch-toxikologische Untersuchungen sowie die Beschreibung des Wegs der Substanz im Körper, was zunächst mit Tiermodellen und später am Menschen durchgeführt wird. Spätestens bei der Applikation am Menschen wird eine Arzneiform benötigt, d. h. der Wirkstoff muss in eine Anwendungsform verpackt werden. Dies können unterschiedlichste Darreichungsformen wie Tabletten, Kapseln, Dragées, Lösungen, Injektionen, Augentropfen, Salben, Cremes, Gele, Inhalationszubereitungen bis hin zu neuen Anwendungsformen wie transdermale Systeme, Nanokapseln und Liposomen sein.

Die Entwicklung solcher Darreichungsformen ist eine Domäne der Industrie-Pharmazeuten. An diese „pharmazeutische“ Entwicklung schließt sich die klinische Prüfung an, die, obwohl von Medizinern dominiert, mehr und mehr ebenfalls zu einem Betätigungsfeld der Industrieapotheker wird. Während in der Entwicklungsphase häufig kleine Mengen eines Arzneimittels hergestellt werden müssen, wird für die spätere Produktion ein großtechnischer Maßstab benötigt. Die dafür notwendigen Übertragungsversuche, die als Up-scaling bezeichnet werden, unterliegen, da sie zumeist für weitere klinische Versuche eingesetzt werden bereits den Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes, wonach die Herstellung unter Aufsicht und Anleitung eines Herstellungsleiters, der im allgemeinen die Qualifikation als Apothekers besitzt, erfolgen muss. Diese Maßstabsvergrößerung mündet direkt in die spätere Produktion des Arzneimittels ein, die wiederum unter der Kontrolle eines Pharmazeuten erfolgt. Neben diesen Entwicklungs- und Herstellungstätigkeiten eröffnen sich dem Apotheker in der Pharmaindustrie weitere interessante Möglichkeiten im Bereich der Qualitätskontrolle. Die Freigabe eines Arzneimittels nach dessen analytischer Prüfung hat durch den im Arzneimittelgesetz näher definierten „Kontrollleiter“ zu erfolgen, der im Regelfall wiederum ein Apotheker ist. Bevor es zu Produktion- und Qualitätskontrolle kommen kann, muss ein Arzneimittel den Prozess der Zulassung durchlaufen. Die Zulassung von Arzneimitteln ist heute ein komplizierter Prozess, der durch die Schaffung der europäischen Zulassungsbehörde in London weiter an Bedeutung gewonnen hat. Die Zulassungsabteilungen der pharmazeutischen Hersteller haben in den letzten zwanzig Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Da ein Arzneimittel heute nicht nur für ein Land entwickelt wird, sind Kontakte mit den Behörden der unterschiedlichsten Länder erforderlich, was ein interessantes Arbeitsgebiet eröffnet. Jedes neue Arzneimittel muss dem Arzt bekannt gemacht werden. Die medizinisch-wissenschaftliche Information, d. h. das Erarbeiten und Zusammenstellen von Daten, ihrer Aufbereitung und Überführung in eine den Arzt ansprechende Form ist in der modernen Kommunikationsgesellschaft ebenso wichtig wie das Sammeln von Meldungen über Zwischenfälle und Nebenwirkungen sowie die Erschließung neuer Indikationsgebiete für ein bereits im Handel befindliches Medikament. Die Arbeitsgebiete sind so zahlreich, dass für jeden Interessenten etwas zu finden ist gleich ob er sich jetzt mehr der medizinischen, der technischen oder analytischen Seite verbunden fühlt.

Der Autor, der vor seiner Rückkehr an die Universität selbst zwölf Jahre in der Pharmaindustrie verbracht hat, kann aus eigener Erfahrung sagen, dass jeder Tag neue Überraschungen und Herausforderungen bringt. Die Tätigkeit in der Industrie erfordert aber auch ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft, Kommunikationsbereitschaft und ein Händchen für die unterstellten Mitarbeiter. Wenn das alles stimmt und die fachliche Kompetenz vorhanden ist, ist die Tätigkeit in diesem Industriezweig eine faszinierende Möglichkeit, das eigene Berufsleben interessant zu gestalten. Von den ca. 50 Promovenden des Autors nur ca. 10 % in der öffentlichen Apotheke gelandet, die Majorität ist in den unterschiedlichsten Bereichen der pharmazeutischen Industrie tätig. Die Zahlen zeigen, dass der Apotheker in der Pharmaindustrie offensichtlich doch ein befriedigendes Berufsbild vorfindet. Die Nachwuchssituation ist überraschenderweise jedoch kritisch. Die Pharmaindustrie sucht Hände ringend gut ausgebildete Apotheker. Ein abschließendes Beispiel soll das verdeutlichen. Ein junger Mann, der nach seinem pharmazeutischen Staatsexamen einen Teil seiner praktischen Ausbildung in einem Industriebetrieb absolvierte, kam anschließend an den Lehrstuhl zur Promotion zurück. Die normale Promotionsdauer beträgt wie oben erwähnt ca. drei bis vier im Normalfall drei bis dreieinhalb Jahre. Nach nur eineinhalb Jahren rief der Chef der Firma an, um zu fragen wann der junge Mann nun endlich fertig würde, denn man wolle ihn unbedingt wieder haben. Ein exaktes Datum für den Abschluss der Promotion war zu diesem Zeitpunkt nicht anzugeben. Es wurde deshalb ein Arbeitsvertrag geschlossen, der eine Spanne für den Eintritt in die Firma vorsah. Als dann im Laufe der Arbeit eine Maschine ihren Dienst versagte, kam der Absolvent in erhebliche Zeitprobleme.

Es gelang ihm aber die Arbeit termingerecht abzuschließen und seinen Dienst anzutreten. Alle Seiten waren zufrieden. Das Beispiel zeigt, wie sehr heute seitens der Industrie um junge Absolventen geworben wird. Wer seine Promotion ordentlich und einer vernünftigen Zeit durchzieht, arbeitswillig und kontaktfreudig ist, flexibel genug, um auch wenigstens temporär im Ausland tätig zu werden, der hat in der Pharmaindustrie heute sehr große Chancen.

Prof. Dr. P.C.Schmidt

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Ausgabe 30/2002, Pharmazeutische Zeitung